(urspr. Louis Bodenheimer, geb. 8.10.1878 in Stuttgart, gest. 2.12.1943 in Loch, Gemeinde Sachrang)
Louis Bodenheimer wuchs mit fünf Geschwistern in der Familie des Ehepaars Aaron und Sara Bodenheimer in Stuttgart auf.[1] Mit 16 Jahren wanderte er in die USA aus, um in Milwaukee im US Staat Wisconsin Gesang zu studieren. Er kehrte spätestens 1903 als Opernbassist nach Europa zurück. 1900 hatte er die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten, die er jedoch 1920 zurückgab.[2] Der Ausbruch des 1. Weltkriegs verhinderte ein schon vereinbartes Engagement an der Metropolitan Opera in New York.[3] Als das neue Theater in Dortmund 1914 eröffnete, war er unter den Mitwirkenden, ab 1916 erhielt er dort als Bassist seinen festen Platz im Ensemble.[4] Fast drei Jahrzehnte lang sang er am Theater Dortmund und bei Gastauftritten Opernpartien des Sarastro (Die Zauberflöte), Sir John Falstaff (Die lustigen Weiber von Windsor), des Rocco (Fidelio) und viele weitere Partien aus seinem großen Repertoire.

Ende August 1933 erhielt er als „Jude“ die Entlassung aus dem Verband der Städtischen Bühnen Dortmund; schon im März des Jahres strichen ihn „nationalsozialistische Beamte“ vom Spielplan einer Wagner-Oper, weil er als „Jude“ unfähig sei, dessen Werke zu interpretieren.[5]
Louis Bodenheimer heiratete am 14. Juni 1906 in Badenweiler Elisabeth Deininger, geb. am 09.12.1875 und ebenfalls ausgebildete Opernsängerin. Zeitgleich änderte Louis Bodenheimer seinen Namen in Ludolf Bodmer; dieser Nachname wurde 1931 auch zum Familiennamen. Der gemeinsame Sohn Heinrich Franz Parzeval, geb. 26.7.1911 in Hainholz, Hannover, gest. 1959 in Frankfurt a. Main, trug diesen Nachnamen.[6]
Vermutlich angesichts des sich ausbreitenden Antisemitismus kauften Ludolf und Elisabeth Bodmer im Jahr 1931 ein altes Bauernhaus mit rund 1,5 ha landwirtschaftlicher Fläche in Alleinlage bei Sachrang, heute Gemeinde Aschau i.Ch.[7] Sohn Franz führte den Hauskauf auf den Wunsch seiner Mutter zurück, die sich als gebürtige Münchnerin „immer danach gesehnt hatte, einmal nach Bayern zurückzukehren.“[8] Das kleine Häuschen wurde nach Bodmer’s erzwungenem Ausscheiden aus dem Berufsleben zum Rückzugsort für das Ehepaar in „Mischehe“ und ihren Sohn Franz, in der Kategorie des Nationalsozialismus ein „Halbjude“. Es lag mitten im schneereichen Priental und war verkehrsmäßig schwer zugänglich, da die Hofstelle damals nur über Feldwege vom rund fünf Kilometer entfernten Sachrang oder in etwa gleicher Entfernung von Hohenaschau aus erreichbar war.
Der Rückzug in die geografische Abgeschiedenheit bot der Familie leider keinen Schutz vor weiterer Entrechtung und Verfolgung. 1936 ging eine anonyme Anzeige beim antisemitischen Hetzblatt „Der Stürmer“ ein. Ein „anonymer Gemeindebewohner aus Sachrang“ zeigte den katholischen Pfarrer Dionys Müller wegen dessen „Judenfreundlichkeit“ an. Denn der Pfarrer besuchte die Familie Bodmer öfters und hatte ein Foto des Ehepaars auf seinem Schreibtisch stehen.[9] Weil die Kreisleitung der NSDAP die örtlichen Parteiorganisationen aufforderte, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen, ihren „Wahrheitsgehalt“ zu überprüfen, war spätestens 1936 allen lokalen und überregionalen Parteibehörden der „Rassestatus Jude“ von Ludolf Bodmer bekannt. Der Pfarrer Dionys Müller ließ sich in Folge in die Gemeinde Sulzemoos versetzen. Doch die Familie Bodmer blieb in der Gemeinde Sachrang wohnen.[10]

Im Dezember 1938 forderte das Finanzamt Rosenheim die Zahlung der „Judenvermögensabgabe“ in Höhe von RM 2.000,- und drohte mit der Zwangsversteigerung des Bauernhauses. Im August 1939 mahnte das Finanzamt die letzte Teilzahlung an und lehnte ein schriftliches Gesuch auf Stundung ab. Nach Inkrafttreten der Verordnung über den Einzug des jüdischen Vermögens v. 3.12.38 nahm das Ehepaar anwaltliche Hilfe von Dr. Nusser aus München in Anspruch und übertrug den Hälfteanteil des Anwesens von Ludolf Bodmer auf seine „arische“ Ehefrau. Im September 1939 beschlagnahmte der Sachranger Landpolizist das Radiogerät.
Das Ehepaar verarmte zusehends. Else Bodmer musste 1939 eine Hypothek in Höhe von RM 3000,- aufnehmen. Ab Februar 1942 kürzten die Städtischen Bühnen Dortmund das monatliche Ruhegeld von Ludolf Bodmer. Im Sommer 1941 erkrankte die Haushaltshilfe. Seit Verabschiedung der Nürnberger Gesetze 1935 war Juden die Anstellung von deutschen Haushaltshilfen unter 45 Jahren verboten. Die Ehefrau des Propagandawarts der Ortsgruppe Sachrang hatte dem Ehepaar trotzdem bei der Versorgung des Haushalts in dem abgelegenen Bauernhaus geholfen, rechtfertigte sich ihr Ehemann vor der Spruchkammer: „Trotz dummer Anreden von seiten (sic!) der PG ist es mir nicht eingefallen, davon Abstand zu nehmen; (…) denn diese Leute hatten niemanden bekommen wegen der damaligen Judenhetze.“[11]
„Wir durften ja kein Mädchen mehr halten“ schilderte Elisabeth Bodmer die schwierige Situation im Sommer 1943. Im Schreiben von 1947 an die Spruchkammer Rosenheim schilderte sie einen Vorfall, der von Zivilcourage und Hilfeleistung einerseits und von antisemitischer Anfeindung andererseits berichtet:
„Mein Mann der damals im Sommer 1943 schon schwer krank war und doch noch um mir zu helfen nach Aschau einkaufen fuhr, (…) war maßlos erschöpft so, dass die junge Frau Luise Steinbeißer dem kranken zitternden Mann im vollen Omnibus ihren Platz anbot. Hierauf konfrontierte Frau v. Wangenheim die junge Frau Steinbeisser vor allen Leuten, dass sie auch keine deutsche Frau sei und einem Juden ihren Sitzplatz anbiete. Das gehört sich nicht. (…). Mein Mann wollte aufstehen, Frau Steinbeißeisser bat ihn sitzen zu bleiben.“[12]
Die Verfolgung wurde lebensbedrohlich, als die Gestapo München den etwa 65jährigen kranken Mann ins Sammellager nach München einberief.
„Das Häuschen sollte vom bayerischen Forst übernommen werden, mein Vater wurde von der Gestapo nach München, Siesmayerstrasse, gerufen und sollte – wie alle anderen – in ein Zwangsarbeitslager nach München kommen und später deportiert werden. Nur durch glückliche Umstände gelang es, ihm dieser letzten Massnahme zu entziehen.“[13]
Elisabeth Bodmer gelang es, über Kontakte ihres Vater „Kunstmaler Deininger“ in politische Kreise, die Deportation zu verhindern. Jahre später nannte sie die Helferin: „Frau Kommerzienrat Bruckmann, geb. Prinzessin Cantacusen“.[14] Die Verschleppung ihres Sohnes Franz in das Zwangsarbeitslager Boulogne-sur-Mer konnte sie nicht verhindern.[15]
Ludolf Bodmer starb am 2. Dezember 1943 im „Margaretenhäusl“, Gemeinde Sachrang.
Der verdiente und bis 1933 berühmte und gefeierte Opernsänger erfuhr trotz seines Rückzugs aus der Stadt Dortmund in die Einöde bei Sachrang, in ein Leben in größtmöglicher Unauffälligkeit, eine sich steigernde Entwürdigung, Entrechtung, Isolation und lebensbedrohliche Verfolgung – über viele Jahre hinweg.
„Durch all diese Massnahmen an Körper und Seele zerstört, starb mein Vater [Ludolf Bodmer] 1943.“[16]
(Franz Gabriel Bodmer (1911 – 1958)
Dr. Maria Anna Willer; geschrieben am 6.6.2026
[1] Siehe dazu: [Zugriff am 06.06.2026]. Für diesen Hinweis danke ich Thomas Nowotny.
[2] Passanträge der Vereinigten Staaten 1875-1925, siehe Fußnote 48 in: Behrendt, Allmuth: Gefeiert und vergessen? Jüdische und im Nationalsozialismus verfolgte Künstler an der Leipziger Oper 1890-1933, Hentrich &Hentrich Leipzig, 2025. Darin Ludolf Bodmer S. 184-186.
[3] BayHStA, LEA 503. Eidesstattliche Versicherung Franz Bodmer v. 9. August 1958.
[4] Behrendt, ebda., S. 186.
[5] Behrendt, ebda.; Willer, Maria Anna: Nationalsozialismus auf dem Dorf. Über lokale Herrschaft und ihre spätere Verdrängung, transcriptverlag, Bielefeld, 2024. Kap. 4.1.3. Familie Bodmer im „Margaretenhäusl“ im Ortsteil Loch bei Sachrang, S. 173-182; hier: S. 174.
[6] BayHStA, LEA 503, Beglaubigte Abschrift aus dem Heiratsregister des Standesamts Badenweiler v. 15. Nov. 1949; https://www.geni.com/people/Franz-Bodmer/6000000223146584869. [Zugriff am 06.06.2026];
[7] Der Hofname im Katastereintrag ist „Huber im Loch“, Elisabeth Bodmer nennt das Bauernhaus später in ihren Briefen „Margaretenhäusl“. Siehe Breit, Stefan, 1998, S. 245-248, zit. nach: Willer, S. 174, Fußnote 87.
[8] Willer, ebda. S. 174.
[9] StAM, SpkA K3920, Peteranderl, Abschrift des anonymen Schreibens an den Stürmerverlag Nürnberg v. 23.4.1936; zit. Nach Willer, ebda. S. 267.
[10] Siehe ausführlich: Willer, ebda. S. 268 ff.
[11] StAM, Spk K 3899 Leitinger, Bl. 12. zit. nach Willer, ebda., S. 181.
[12] StAM Spk K 1905 Freih. Alexander von Wangenheim, Schreiben Else Bodmer v. 21. Nov. 1947. Zitiert nach Willer, ebda. S. 180.
[13] BayHStA, LEA 503. Franz Bodmer an das Bayerische Landesentschädigungsamt München v. 24.1.1958, zit. nach Willer, ebda. S. 178.
[14] BayHStA, LEA 503. Eidesstattliche Erklärung v. 4. Januar 1950. Unterschrieben mit „Else Bodmer geb. Deininger Witwe.“
[15] BayHStA, LEA 503, zit. nach Willer, ebda, S. 180.
[16] BayHStA, LEA 503. Schilderung des Verfolgungsvorgangs. Franz Bodmer v. 24.1.1958.