Elisabeth Kunigunde Bodmer (geb. Deininger)

(geb. 9. Dezember 1875 in München, gest. 27. Juli 1952 in Sachrang)

Ihre Eltern waren der Kunstmaler Franz Karl Deininger und Margarete Luise Deininger, geb. Foltz.[1] Die gebürtige Münchnerin war evangelischer Religion und sicherte mit ihrer „arischen“ Abstammung ab 1933 ihrem „jüdischen“ Ehemann Ludolf (Louis) Bodmer / Bodenheimer den Schutz einer „Mischehe“.

Elisabeth Bodmer war ausgebildete Opernsängerin, übte den Beruf nach der Heirat mit dem Bassisten Ludolf Bodmer jedoch nicht aus. Die beiden heirateten am 14. Juni 1906 in Badenweiler, der gemeinsame Familienname war Bodenheimer, ab 1931 Bodmer. Im Januar 1938 wurde die Namensänderung entsprechend dem Namensänderungsgesetz v. 5. Januar 1938 aufgehoben. Jüdischen Menschen wurde im nationalsozialistischen „Deutschen Reich“ auch rückwirkend jede Namensänderung verboten.[2] Nach dem Ende der Diktatur war Bodmer wieder der reguläre Familienname. Am 26. Juli 1911 kam der gemeinsame Sohn Heinrich Franz Gabriel Bodmer in Hainholz, Hannover, zu Welt. Er verstarb 1959 in Frankfurt a. Main.[3] 1940 lebte auch er in Loch bei Sachrang.[4]

Das Ehepaar Bodmer hatte 1931 zusammen mit ihrem Ehemann das kleine Bauernhaus im Ortsteil „Loch“, heute „Grattenbach“, mit rund 1,5 Hektar landwirtschaftlicher Fläche bei Sachrang gekauft.[5] Die Familie bewohnte es ab 1933 und Else Bodmer nannte es in ihren Briefen liebevoll das „Margaretenhäusl“. Nachdem ihr Ehemann zum 31. August 1933 als „Volljude“ aus dem festen Ensemble der Städtischen Bühnen Dortmund ausscheiden musste, wurde die Einöde zum Rückzugsort, wo Elisabeth Bodmer bis an ihr Lebensende im Jahr 1952 wohnen blieb. Das alte Bauernhaus war nur mit Holz beheizbar. Die Alleinlage im schneereichen Gebirgstal bedeutete vor allem im Winter starke körperliche Anstrengung, allein zum Räumen der Wege und für Versorgungsgänge aller Art. Einkaufsmöglichkeit gab es im rund vier Kilometer entfernten Sachrang oder im rund acht Kilometer entfernten Aschau. Bis 1941 half dem Ehepaar Frau Leitinger aus der Nachbarschaft. Als diese erkrankte, hatte das Ehepaar„wegen der damaligen Judenhetze“ keine [Haushaltshilfe] mehr bekommen können.[6]

Elisabeth Bodmer war gebürtige Münchnerin, sprach vermutlich den Dialekt der Prientaler, was ein Kennenlernen erleichterte. Das Ehepaar hatte Freundschaften zu Dorfbewohnern in Aschau und Sachrang, so zum Beispiel zur Familie Koch-Stephan in Niederschau, zum jüdischen Rechtsanwalt Dr. Benno Schülein in Hohenaschau oder zu den Nachbarn Steinbeisser in Grattenbach.  Als im Frühjahr 1936 eine anonyme Anzeige eines Sachranger Dorfbewohners den Dorfpfarrer Dionys Müller wegen seiner Freundschaft zum „Juden“ Ludolf Bodmer beim Hetzblatt „Der Stürmer“ anprangerte, wurde das dörfliche Zusammenleben infrage gestellt. Die jüdische Abstammung des Ehemanns und der Familie waren nun nicht nur bei den örtlichen Parteistellen bekannt. Als Ehefrau eines „Volljuden“ traf Else Bodmer antisemitische Hetze und die daraus folgende soziale Isolation in ähnlicher Weise wie ihren Ehemann und Sohn.[7]

Als das Finanzamt Rosenheim Ende 1938 die Zahlung der „Judenvermögensabgabe“ forderte und die Zwangsversteigerung des kleinen Bauernhauses androhte[8], wurde Else Bodmer aktiv. Sie erreichte mit anwaltlicher Hilfe, dass der halbe Anteil des Ehemanns am gemeinsamen Eigentum an sie, die „Arierin“ überschrieben wurde. Dadurch konnte das Ehepaar die Verordnung über den Entzug von jüdischem Vermögen v. 3.12.1938 umgehen. Außerdem beantragte sie die Ratenzahlung der „Judenvermögensabgabe“, nahm eine Hypothek auf, griff auf Ersparnisse zurück. Kurz – sie handelte gezielt, reagierte auf die Bedrohungen, sicherte das Leben ihres Mannes, bewahrte das Häuschen vor der Zwangsversteigerung und regelte noch mehr[9]:

Sie nutzte Kontakte ihres Vaters in politische Kreise, um ihren Mann vor der Deportation zu bewahren, als dieser die Aufforderung zum „Einfinden im Sammellager“ nach München erhielt.

„Nur durch gute Connaissancen von meinem Vater, Kunstmaler Deininger her, konnte ich es erreichen, dass mein Mann nicht verschleppt wurde.“[10]

Nachdem sie alleinige Eigentümerin des Häuschens war, beantragte sie selbstbewusst die „Rückvergütung“ der bezahlten Judenvermögensabgabe, weil das Vermögen ja nun in „arischer“ Hand sei. Und weiter beantragte die Witwe Anfang 1944 (!) beim Landrat die „Freigabe des im September 1939 beschlagnahmten Rundfunkgerätes“.[11] Der Landrat schrieb zurück, dass er das Schreiben über den Verbleib des Radiogeräts an die Geheime Staatspolizei München weitergeleitet habe und das Radiogerät inzwischen der Wehrmacht übergeben worden sei.

Elisabeth Bodmer erlebte den Tod ihres Ehemannes am 2. Dezember 1943. Etwa zeitgleich war die Verschleppung ihres Sohnes in das Zwangsarbeitslager in Boulogne s/Mer in Frankreich. Sie lebte bis zum Ende der Diktatur vermutlich sehr allein und isoliert im „Margaretenhäusl“.

Nach dem Ende der Diktatur war ihre Odyssee nicht zu Ende. Sie erlebte die Einrichtung der Spruchkammer und nahm Einfluss auf das Verfahren des ehemaligen Reichstagsabgeordneten, Reichsredners und Begründers der völkischen Bauernhochschule Kurmark Alexander von Wangenheim.[12] Dieser wohnte ab 1940 mit seiner Ehefrau Freia in Sachrang. Elisabeth Bodmer schildert in ihrem Schreiben vom November 1947 ein Geschehen starker antisemitischer, aggressiver Haltung von Seiten Freia von Wangenheims gegenüber Ludolf Bodmer.[13]

„Mein Mann der damals im Sommer 1943 schon schwer krank war und doch noch um mir zu helfen nach Aschau einkaufen fuhr, „wir durften uns ja kein Mädchen mehr halten“, war maßlos erschöpft so, dass die junge Frau Louise Steinbeisser dem kranken zitternden Mann im vollen Omnibus ihren Platz anbot. Hierauf konfrontierte Frau v. Wangenheim die junge Frau Steinbeisser vor allen Leuten, dass sie auch keine deutsche Frau sei und einem Juden ihren Platz anbiete. Das gehört sich nicht. (…).“[14]

Die junge Sachrangerin blieb trotz der lauten antisemitischen Rede im Omnibus stehen und bot dem alten Mann weiter ihren Sitzplatz an. Freia von Wangenheim jedoch verlangte auch vom Omnibusfahrer, dass er dem „Juden“ die Weiterfahrt verbiete. Das Geschehen ist Beispiel für die Gegenwart des Antisemitismus auch in der abgeschiedenen Dorfgesellschaft in der NS-Zeit. Der Rückzug in die Abgeschiedenheit hatte der Familie keinen oder sehr begrenzten Schutz vor der nationalsozialistischen Verfolgung und Repression geboten.

1949 beantragte die mittellose Witwe eine Entschädigung beim „Amt für Wiedergutmachung“.[15] Die Verfolgungsgeschichte der Familie wird vor allem aus ihren Briefen, aus den vielen vom Landesentschädigungsamt angeforderten Nachweisen, eidesstattlichen Erklärungen und Dokumenten ersichtlich, die sie vorlegen musste. Ihr Antrag wurde vom Landesentschädigungsamt jedoch Zeit ihres Lebens nicht entschieden.[16] Elisabeth Bodmer starb am 27. Juli 1952.

Dr. Maria Anna Willer, 13.06.2026


[1]      Bay HStA, LEA 503. Beglaubigte Abschrift aus dem Heiratsregister des Standesamtes Badenweiler.

[2]      Ebda. 

[3]      [Zugriff am 11.06.2026; den Zugang zur Datenbank eröffnehttps://www.geni.com/people/Ludolf-Bodmer-Louis-Bodenheimer/6000000197353467827te dankenwerterweise T. Nowotny.

[4]      Gemeindearchiv Aschau i.Ch., BestandSA 1-4 ca. 1940. „Liste für ausgegebene Kennkarten Nr. I“. In der handschriftlichen Liste ist sein Name und der Name von Elisabeth Bodmer mit Kennkarten-Nummer verzeichnet. Der Name von Ludolf Bodmer fehlt.

[5]      Breit, Stefan, 1998; S. 245-248. Häuserbuch Sachrang (Chronik Aschau i. Ch., Bd. VII). Der Hofname lt. Katastereintrag ist „Huber im Loch“.

[6]      StAM, Spk A K 3899 Leitinger. Erklärung des ehem. PG Josef Leitinger v. 3. Febr. 1948, zit. nach Willer, ebda., S. 181.

[7]      StAM, Spk A K 3920, Peteranderl, Nikolaus. Abschrift des des anonymen Schreibens an den Stürmerverlag Nürnberg v. 23.4.1936; vgl. Willer, ebda., S. 267, 181.

[8]      BayHStA, LEA 503. Schreiben des Finanzamtes Rosenheim v. 21. August 1939. Vgl. Willer, ebda., S. 177.

[9]      176f.Vgl. Willer, ebda., S.

[10]    Bay HStA. LEA 503. Eidesstattliche Erklärung v. 4. Januar 1950. Unterschrieben mit „Else Bodmer geb. Deininger Witwe“, vgl. Willer, ebda., S.178.

[11]    Bay HStA, LEA 503, Schreiben des Landrats an Else Bodenheimer v. 18. Februar 1944.

[12]    Willer, Maria Anna: Alexander von Wangenheim. In: Täter-Helfer-Trittbrettfahrer, Bd. 16, NS-Belastete aus Oberbayern (Süd). Kugelbergverlag, 2024. S. 345-354. 

[13]    StAM, SpK K 1905 Alexander von Wangenheim. Schreiben Else Bodmer v. 21. Nov. 1947.

[14]    Vgl. Willer, Diktatur auf dem Dorf, transkriptverlag Bielefeld, 2024, S. 180.

[15]    Bay HstA, LEA 503. Antrag beim Bayerischen Landesentschädigungsamt, von Else Bodmer, 1949.