Dies ist die Geschichte einer Frau aus dem bayerischen Oberland, die durch Zufälle und die Verhältnisse während der NS-Zeit in Berlin zu einem Freundeskreis um die “Rote Kapelle“ stieß und von einer „Mitläuferin“ der Naziherrschaft zum Widerstand gelangte. Ihr daraus folgender Gefängnisaufenthalt, das Schicksal ihres Mannes und ihrer Berliner Freunde veranlasste sie nach dem Krieg, sich einen aktiven Platz im Kampf gegen Faschismus und Militarismus zu suchen. Das Verbot der KPD und die Wiederbewaffnung in der Bundesrepublik verbannte sie wieder in ihr Dorf. Der Antikommunismus in der Bundesrepublik, der die Mitglieder der „Roten Kapelle“ aus dem „anständigen“ Widerstand ausgrenzte und diffamierte, zerbrach schließlich ihren Lebensmut.
Am 29. Dezember 1910 in Schwarzenstein, Gemeinde Hohenaschau geboren, ist Johanna bei Familie und Freunde Hanna oder Hanni – Weißensteiner geb. Stegherr das einziges Kind der Prientalerin Johanna Stegherr geb. Heinrich und Ottmar Stegherr, der als junger Mann aus München gekommen war, um die Sägerei in Grattenbach zu erlernen. Hanni verlebt einen großen Teil ihre Kinderzeit im Weiler Schwarzenstein und besucht die Schule Stein.

1920 zieht die Familie nach Hohenaschau an den Schlechtenberg. Die Familie besitzt nun ein kleines Haus mit Weideland für eine Kuh. Mutter Johanna Stegherr versorgt Haus und Garten, verdient als Störnäherin ein Zubrot und beherbergt Feriengäste. Sie ist eine interessierte und kommunikationsfreudige Frau, die regelmäßig Zeitung liest und sich mit ihren Gästen gerne unterhält. Der Vater Ottmar, begeisterter Soldat im ersten Weltkrieg, arbeitet für die Brauerei der Hohenaschauer Schlossherren Cramer-Klett. Hanni wechselt zur Volksschule in Niederaschau und lernt die Damenschneiderei. Später arbeitet sie saisonal als Bedienung im Winter in Berchtesgaden, im Sommer auf der Insel Herrenchiemsee und später in Füssen im Allgäu. 1933 wählt sie wie der Vater und viele Freunde die Nationalsozialisten. Ihr Vater wird als NS-Parteimitglied Gemeinderat in Hohenaschau.
1935, sie ist 25 Jahre alt, trifft sie Richard Weißensteiner. Er ist 1907 in Pula/Istrien in eine ursprünglich Südtiroler Familie geboren, besucht die Marine Volks- und Realschule in Pula und erlernt dort den Beruf des Schweißers. Seit 1918 italienischer Staatsangehöriger wird er 1927 zum italienischen Militär eingezogen. Nach Stationen in Verona, Triest und Paris geht er 1934 nach Berlin zu Verwandten. Als Chauffeur seines Berliner Schwagers lernt er auf Reisen Hanni in Füssen kennen, die dort in einem Hotel arbeitet. Sie verlieben sich und 1935 geht Hanni zu Richard nach Berlin und arbeitet in Haushalten und als Bedienung. 1937 heiraten die beiden, Richard hat inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit. Er arbeitet nun wieder in seinem Beruf als Schweißer bei „Knorr-Bremse“. Man nimmt an, dass er Mitglied einer illegalen Betriebsgruppe war.

1939 lernt Richard bei einem Techniker-Abendkurs den Arbeiter Hans Coppi kennen, sie freunden sich an. Coppi hat Kontakt zu kommunistischen und anderen oppositionellen Kreisen, seit 1940 auch zu Harro Schulze-Boysen. Der Schriftsteller Günter Weisenborn kennzeichnet 1953 in seinem Buch „Der lautlose Aufstand“ die Gruppe folgendermaßen: „Die Schulze-Bovsen-Harnack-Gruppe setzte sich zusammen aus Menschen, deren gesellschaftliche Herkunft und deren Weltanschauung stark auseinander gingen. Es verband sie der Abscheu gegen das NS-Regime, gegen den Krieg und gegen die Knechtschaft“.

Im Freundeskreis um Hans Coppi und Schulze-Boysen sind jetzt auch Hanni und Richard zu finden. Es gab Versuche, eine illegale kommunistische Parteizelle für den organisierten Widerstand zu bilden; man nahm an Diskussionsabenden teil, verteilte Flugblätter. Nach Kriegsbeginn gegen die Sowjetunion verfolgen die Mitglieder der Gruppe Moskauer Rundfunkmeldungen über gefangen genommene deutsche Soldaten und versuchen deren Angehörigen heimlich zu verständigen. Hans Coppi erhält Mitte Juni 1942, kurz vor dem Einfall deutscher Truppen in die Sowjetunion, ein Funkgerät und versucht in den folgenden Monaten funken zu lernen, ohne viel Erfolg. Oft ist das Gerät kaputt – Richard als Funkamateur und begabter Bastler, versucht wahrscheinlich, das Gerät zu reparieren. Im August 1942 erreichen zwei sowjetische Fallschirmspringer und Funker Berlin, um endlich eine funktionierende Funkverbindung mit Moskau aufzubauen. Als durch grobe Fahrlässigkeit im Funkverkehr der sowjetischen Nachrichtendienste zwischen Brüssel und Moskau Namen und Adressen von Schulze-Boysen und weiteren Kontaktpersonen in die Hände der Gestapo fallen, wird Harro Schulze-Boysen am 31.August 1942 verhaftet. Hans Coppi bringt den Fallschirmspringer Albert Hößler für eine Woche zu Richard und Hanni Weißensteiner, die ihm dann eine Unterkunft bei Bekannten verschaffen.
Mit der Verhaftung Harro Schulze-Boysen beginnt das Ende der Gruppe in Berlin. Hanni und Richard werden am 16. September früh um 6 Uhr von der Gestapo aus ihrer Wohnung in Berlin-Schöneberg geholt und in die berüchtigte Gestapo-zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße 8 eingeliefert. Mit ihnen werden bis November über einhundert Personen verhaftet. Die Gestapo macht aus dem lose zusammenhängenden Netzwerk politisch orientierter Freundeskreise mit unterschiedlichen politischen Überzeugungen die europaweit agierende Spionageorganisation „Rote Kapelle“. Das Reichskriegsgericht unter dem Anklagevertreter Manfred Roeder übernimmt dieses Deutungsmuster. Zwischen Dezember 1942 und Juli 1943 werden mehr als fünfundvierzig Menschen zum Tode verurteilt. Das Urteil für Richard Weißensteiner wird am 30. Januar 1943 gesprochen, es lautet Tod durch das Fallbeil „wegen Beihilfe zur Vorbereitung des Hochverrats in Tateinheit mit Feindbegünstigung“.
Hanni sitzt weiterhin verzweifelt in Untersuchungshaft. Sie wusste, dass die Freunde Gegner der Nazis waren, sie wusste von Flugblättern gegen die Nazis. Mit Sicherheit war ihr die Identität der Fallschirmjäger nicht bekannt, vielleicht wusste auch Richard nichts davon. Am 13.Mai 1943, einen Tag nach ihrem siebten Hochzeitstag, wird Richard Weißensteiner hingerichtet. Hanni wird aus unerfindlichen Gründen nicht, wie die meisten der wenig belasteten Frauen bis Weihnachten 1942 entlassen, sondern dem Frauengefängnis Alt-Moabit übergeben. Hannis Mutter schreibt ihr einen bewegenden Beileidsbrief und verspricht ihr die Unterstützung der Familie. Die Zukunft sieht sie aber dunkel: „Ich glaube, dass wir noch alle Richard beneiden werden, er hat es hinter sich und für uns sieht die Zukunft nicht gut herein und werden noch furchtbare Tage kommen bis dieser Krieg zum Ende kommt.“ Es gibt wenig Überliefertes aus dieser Zeit. Bis an ihr Lebensende wird Hanni die Gewohnheit beibehalten, jeden noch so kleinen Brotkrümel aufzupicken.
Die Haftanstalt wird im Herbst 1943 von einer Bombe voll getroffen und auf Intervention ihres Vaters und weil er sich für sie verbürgt hat, ist Hanni Weihnachten wieder in Aschau. Bis Kriegsende übt sie Wohlverhalten, arbeitet in Aschau als Haushaltshilfe. Das Dorf Aschau wird kaum vom Kriegsgeschehen berührt.
Dann der Zusammenbruch des NS-Regimes und das Kriegsende – die Akten bezeugen einen beginnenden Papierkrieg mit den Behörden um „Wiedergutmachung“, Rentenansprüche und so weiter. Sie ist nun auch begehrt als „Persilschein“-Schreiberin zum Reinwaschen von belasteten Freunden für deren „Entnazifizierung“. Sie lernt einen jungen Vertriebenen kennen. Sie ist inzwischen 38 Jahre alt, eine schöne, gut gewachsene Frau, die Haare ein bisschen grau, auf Fotos immer lachend und selbstbewusst wirkend. Ende 1948 wird sie Mutter eines Sohnes, den sie Richard nennt. Sie heiraten nicht, der Vater zieht nach München.
Einige überlebende Mitglieder versuchen nach Kriegsende die Widerstandsgeschichte der Menschen um die „Rote Kapelle“ aufzuarbeiten und die Bestrafung des Staatsanwalts aus dem Reichskriegsgericht Manfred Roeder, der für viele der Verhafteten die Todesstrafe beantragt hatte, im Kontext der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse zu erreichen. Doch im Zuge der sich bildenden politischen Konstellationen des Kalten Krieges gelang im Westen bald die Ausgrenzung der Widerstandsgruppe um Schulze-Boysen und Harnack aus dem deutschen Widerstand und ihre Uminterpretation zum Ableger der größten sowjetischen Spionage-organisationen des Zweiten Weltkriegs. Ehemalige Gestapo-Beamte und Wehrmachtsrichter entlasteten sich selbst durch die erneute Stigmatisierung der Gruppe als bezahlte Landesverräter und Agenten. 1951- Hanni erhält inzwischen eine kleine Rente als Opfer des Nationalsozialismus – sagt sie im Ermittlungsverfahren gegen den Ankläger des Reichskriegsgerichts Manfred Roeder aus. Das Verfahren wird vom leitenden Oberstaatsanwalt Finck mit der Begründung eingestellt, bei den Prozessen habe es sich um ein „ordnungsgemäßes Strafverfahren“ gehandelt. Diese Erfahrung veranlassen Hanni, an weiteren Ermittlungen gegen ehemalige Gestapo-Beamte Ende der sechziger Jahren, nicht mehr teilzunehmen.
Nun ist Hanni die meiste Zeit in München. Ihrem kleinen Sohn, der bei der Großmutter aufwächst, erklärt sie, dass sie dafür arbeitet, dass es nie wieder Krieg geben soll. Sie ist Mitglied der KPD, sie arbeitet beim DFD (Demokratischen Frauenbund Deutschlands) und bei der WFFB (Westdeutsche Frauen-friedensbewegung) in München mit, engagiert sich für eine Volksbefragung in der Frage der Wiederaufrüstung, für Frieden und Gleichberechtigung, 1952 kandidiert sie für die KPD zum Kreistag des Landkreises Rosenheim. Im gleichen Jahr nimmt sie an der Weltfrauenfriedenskonferenz in Lausanne teil.

Nach dem Verbot der KPD beendet sie ihre politische Arbeit. Sie lebt mehr und mehr in Aschau, kümmert sich um Sohn und Eltern, hat weiterhin Verbindung zu einigen Freunden in Berlin, besucht diese auch einmal mit ihrem Sohn. 1959 zieht sie mit ihrem Sohn nach Raubling, zwei Jahre lang bleiben sie dort, es sind schöne Jahre in der Erinnerung des Sohnes. Hier hat sie politische Freunde in der Nähe, ist mit ihrer politischen Meinung nicht so allein wie in Aschau. Doch dann wird die familiäre Situation in Aschau so schwierig, dass der Vater sie bittet, zurück zu kommen. Hier führt sie ein ruhiges Leben, ist allseits beliebt, wenn sie auch keine engen Freunde in der Nähe hat. Sie hält Briefkontakt nach Berlin, aber nach ihrem Tod sind keine Briefe mehr auffindbar.
Das Erstarken rechtsradikaler Parteien wie der NPD in der Bundesrepublik und die Notstandsgesetzgebung im Jahr 1967 vertiefen ihre Ängste, die Geschichte könnte sich wiederholen. Im Winter 68/69 entwickeln sich bei Hanni starke Verfolgungsängste, sie ist überzeugt, dass der Verfassungsschutz, „die Coppi-Jāger“, sie überwachen, In der Nacht vom 16. zum 17. Januar 1969 wird die Angst so stark, dass sie sich mit dem Kleinkalibergewehr des Vaters erschießt. Ihren Leichnam vermacht sie der Anatomie, so wie die toten Körper von Richard Weißensteiner und der anderen hingerichteten Mitgliedern der „Roten Kapelle“, die der Anatomie übergeben worden sind.
Inwieweit sie vom bundesdeutschen Verfassungsschutz überwacht wurde, ist noch nicht geklärt, es ist durchaus möglich, dass sie wie viele Kommunistinnen und auch viele andere Frauen der westdeutschen Friedensbewegung der 50er und 60er Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Es wird sich nie klären lassen, ob sie ohne die erneute Diskriminierung ihren Lebensmut behalten hätte. Gewiss hätte sie es begrüßt, wenn der Widerstand in der NS-Zeit und damit auch das Opfer des Richard Weißensteiner und der anderen Mitglieder der „Roten Kapelle“ in der Bundesrepublik gewürdigt und Menschen wie Johanna Weißensteiner, die sich gegen Militarismus und Krieg engagierten, nicht erneut ausgrenzt worden wären. In ihrem bayrischen Bergdorf hätte ein anderer, gerechterer Umgang mit der Geschichte sie vielleicht davor bewahrt, ihr Leben vorzeitig zu beenden.
Ingrid Stegherr, Aschau i.Ch. Mai 2026