Im Nationalsozialismus verfolgte Sintizza

Ernestine Reinhardt wurde am 25. April 1925 in Sendling/Ks. Wasserburg in einer katholischen Sintofamilie geboren und war mit Eltern und Verwandtschaft auf Reisen in verschiedenen Orten Oberbayerns.
Im Alter von 9 bis 14 Jahren lebte sie im Kinderheim St. Josef des ehem. Klosters Ramsau in Reichertsheim bei Haag/Obb.
Sonnja: Die Kinder wurden ja alle weggenommen damals – aber meine Mutter hatte Glück: Im Heim war auch ihre Tante tätig, die hat aufgepasst auf sie.
Seit 1938/39 war sie in der Gemeinde Kapell (heute Surberg) polizeilich gemeldet, war jedoch im Rahmen der „Landhilfe“ zwei Jahre v.a. in landwirtschaftlicher Arbeit eingesetzt. Im Anschluss daran lebte sie bei den Eltern in Wiesen 31, wo sie als Korbmacherin tätig war, darunter vom 25. Januar bis 6. März 1943 als Sackflickerin bei der Fa. Kreiller in Traunstein.
Auf Antrag der Münchner Kriminalpolizei wurde Ernestine Reinhardt am 8. März 1943 von der Traunsteiner Gendarmerie verhaftet, nach München gebracht und von dort auf Befehl des Reichsführers der SS, Heinrich Himmler, als sog. „Zigeunermischling“ ins Konzentrationslager Auschwitz eingeliefert.
Sonnja: Mit Viehwaggons mussten sie fahren, die waren überfüllt mit Menschen, mit Familien mit ihren Kindern und Kleinstkindern. Viele starben schon auf dem Transport. Die Fahrt schien endlos zu dauern. In Auschwitz dann: Schreie, Schläge, ein langer Marsch ins Lager.
Im sog. „Zigeunerlager“ Auschwitz-Birkenau wurde sie u.a. zu Straßenbauarbeiten eingesetzt und trug auf der Kleidung den „schwarze Winkel“ als Kennzeichnung für „Arbeitsscheu“ bzw. „Zigeuner“
Am 18. April 1944 wurde sie ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück verschleppt und zur Landarbeit verpflichtet, ab 16. September 1944 dem Außenlager Schlieben des Konzentrationslagers Buchenwald zugewiesen, wo sie Panzerfäuste und Granatmunition für die Fa. Hugo Schneider AG herstellen musste. Ohne ausreichende Schutzkleidung waren die Häftlinge dieser gefährlichen und die Gesundheit schädigenden Arbeiten ausgesetzt. Viele von ihnen starben angesichts der furchtbaren Lebens- und Arbeitsbedingungen.
Sonnja: 100 Frauen starben an einem einzigen Tag bei einer Explosion. Meine Mutter war zum Glück an diesem Tag woanders eingesetzt.
Am 13. Dezember 1944 wurde Ernestine Reinhardt aus nicht geklärten Gründen aus dem KZ Buchenwald mit der Auflage entlassen, sich sofort zu den Eltern nach Wiesen zu begeben und eine Arbeit aufzunehmen. Bei der Entlassung wurde ihr von der Abteilung „Zigeunerfragen“ der Münchner Kriminalpolizei mitgeteilt, dass sie nach neuerlichen „Gutachten der rassenhygienischen Forschungsstelle des Gesundheitsamtes“ als „Nichtzigeunerin“ zu gelten habe und deshalb den „Zigeunerbestimmungen“ nicht mehr unterliege. Möglicherweise haben auch entsprechende Anträge ihres früheren Arbeitgebers Fa. Kreiller bei der Entlassung eine Rolle gespielt.
Nach ihrem Aufenthalt in der Gemeinde Kapell lebte sie ab 1952 in verschiedenen Orten Oberbayerns. Ihr und ihrem Mann Anton wurden zwischen 1948 und 1951 drei Kinder geboren.
Sechs Geschwister von Ernestine Reinhardt und weitere Familienangehörige wurden im
Nationalsozialismus ermordet.
(F. Mühldorfer, Harter Str. 3, 83365 Nussdorf; 9/2024)
(Fett gedruckt: Aus dem Gespräch mit Sonnja Reinhardt am 04.05.2025 in Surberg)
Quellen
Landesamt für Finanzen, Landesentschädigungsamt München, Entschädigungsakt EG 15110.
Sarah Grandke: Reinhardt, Ernestine (publiziert am 08.02.2024), in: nsdoku.lexikon, hrsg. vom NS Dokumentationszentrum München, URL: https://www.nsdoku.de/lexikon/artikel/reinhardt-ernestine-697