Die sechste Stolpersteinverlegung im Landkreis Rosenheim

Am 21. Mai 2026 verlegte Gunter Demnig fünf Stolpersteine in Stein, einem Ortsteil der Gemeinde Aschau im Chiemgau.

Dr. Maria Anna Willer hat die Geschichte dieser Gemeinde in der NS-Zeit in ihrer Dissertation ausführlich dargestellt und in ihrem Buch „Nationalsozialismus auf dem Dorf“ veröffentlicht. Sie fand über 50 Opfer des NS-Terrors in Aschau.

Der Gemeinderat hatte im Jahr 2025 der Verlegung von Stolpersteinen auf Gemeindegrund nicht zugestimmt.

Daraufhin bot eine Privatperson an, die Stolpersteine in einem Stück des Wanderwegs „Grenzenlos” von Aschau nach Sachrang, der sich auf ihrem Grundstück befindet, zu verlegen. Er ließ dort Kopfsteinpflaster verlegen, damit die Stolpersteine gut zur Wirkung kommen. In den nächsten Wochen wird ebenfalls eine geruhsame Bank folgen.

Ganz in der Nähe lebten fünf Menschen, die von den Nazis verfolgt wurden und gerade die idyllische Abgeschiedenheit suchten in der Hoffnung, der Verfolgung zu entgehen.

Ein Stolperstein erinnert an Johanna Weißensteiner, geb. Stegherr, die als Widerstandskämpferin 1942-43 Gestapohaft erleiden musste. An der Verlegung nahm ihr Sohn Richard Stegherr mit seiner Familie teil. Die Enkelin Johanna Stegherr hielt eine bewegende Rede über das Schicksal ihrer Großmutter. Die Patenschaft übernahm der Verein „Filmriss“ Aschau.

Johanna Stegherr spricht, Terry Swartzberg und Gunter Demnig hören zu (v.l.)

Die Nazis verfolgten Menschen auf Grund ihrer Abstammung als „Juden“, selbst wenn sie evangelisch oder katholisch getauft oder konfessionslos waren. Dazu gehörte der Opernsänger Ludolf Bodmer. Er wurde 1933 als „Jude“ vom Stadttheater Dortmund entlassen. Zusammen mit seiner nichtjüdischen Frau Elisabeth Bodmer (geb. Deiniger), ebenfalls Opernsängerin, zog er sich in das „Margaretenhäusl“ in Grattenbach zurück, das sie 1931 erworben hatten. Er musste den Entzug von Eigentum und Vermögen erleben und entging knapp der Deportation. Dann verstarb er seelisch zerstört und körperlich entkräftet am 2.12.1943. Seine Frau und der gemeinsame Sohn überlebten die NS-Zeit.

Die Patenschaften übernahmen das Stadttheater Dortmund sowie Josef Bolecsek aus Aschau. Hedi Struss hielt als Vertreterin des Stadttheaters Dortmund eine engagierte Rede.

Zwei weitere Steine ehren Ingrid Dybwad und ihre Schwester Gudny Dybwad.

Ingrid Dybwad wurde als „Jüdin“ 1934 beim Deutschen Akademischen Austauschdienst DAAD in Berlin entlassen, wo sie das Akademische Hauptreferat leitete und damit eine wichtige Position innehatte. Sie zog 1935 auf den Berghof Hochleit bei Sachrang, wo sie 1940 plötzlich verstarb.

Nach ihrem Tod führte ihre Schwester Gudny Dybwad das Anwesen weiter, die in Folge der NS-Gesetze ihre Goldschmiedewerkstatt in Berlin 1936 aufgeben musste. Sie überlebte die NS-Zeit in Sachrang.

Drei Verwandte der Schwestern Dybwad aus Kleinmachnow bei Berlin und in Norwegen nahmen über eine Videokonferenz an der Verlegung teil. Den Beitrag von Dr. Ludwig Hoffmann verlas Franz Josef Nuß.

Die Patenschaften übernahmen Frau Prof. Dr. Natascha Mehler vom Heimat- und Geschichtsverein Aschau im Chiemgau und der Deutsche Akademische Austauschdienst DAAD, der auf seiner Homepage schon seit einigen Jahren die Biographie von Ingrid Dybwad veröffentlicht hat. Dr. Ursula Paintner vom DAAD hielt eine bewegende Rede.

Bei der Verlegung waren über hundert Menschen, darunter auch Schüler der Waldorfschule Prien. Drei von ihnen begleiteten die Veranstaltung auch musikalisch.  

Grußworte sprachen der Grundbesitzer Franz Josef Nuß, der Stellvertretende Landrat Eduard Huber und der 1. Bürgermeister von Aschau, Simon Frank. Das OVB berichtete ausführlich über die Verlegung.

Im Anschluss besichtigten einige Interessierte das „Margaretenhäusl“ in Grattenbach, in dem das Ehepaar Bodmer wohnte, und das Haus in Hofleit, in dem die Schwestern Dybwad gelebt hatten.

Benjamin Knauß (Posaune), Rupert Zaiser (Horn), Philipp Knauß (Trompete)