Was sind Stolpersteine?

Stolpersteine erinnern an Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt, vertrieben, ermordet oder in den Tod getrieben wurden – ob sie Juden waren oder Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Behinderte oder Regimekritiker aus Politik, Gewerkschaften, kirchlichen Kreisen. Auf eine 10×10 cm große Messingplatte sind Namen, Geburtsjahr, Zeit und Ort von Deportation und Tod eingraviert.

Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt sie auf dem Gehweg vor dem letzten frei gewählten Wohnort von Opfern des Naziterrors, aber auch vor deren Schule oder Arbeitsstätte. Über 72.000 dieser Steine gibt es schon in 24 Ländern, verlegt in über 1200 Städten und Gemeinden, darunter mehr als 70 in Bayern (Stand April 2019). Stolpersteine sind zum größten dezentralen Mahnmal der Welt geworden.

Stolperstein für Anne Frank in Aachen

                                      Stolperstein für Anne Frank in Aachen

 

Warum Stolpersteine?

Niemand kann sich den Massenmord an Millionen unschuldigen Menschen wirklich vorstellen. Aber das Schicksal von Familien und Einzelpersonen, die einmal in unserer Nachbarschaft gelebt haben, ist gut nachvollziehbar: „Das Geheimnis der Erinnerung ist die Nähe“ (Reiner Bernstein). Stolpersteine geben uns im Alltag Denkanstöße und erinnern uns an die Geschichte – wir stolpern nicht mit den Füßen, aber mit dem Kopf über das, was war. Stolpersteine bringen die Namen der Naziopfer wieder an die Orte zurück, von denen sie vertrieben wurden, sie tragen – oft nach jahrzehntelanger Verdrängung – diesen Vorgang gleichsam wieder an die Oberfläche.

Stolpersteine sind aber nicht oberflächlich: Wer einen solchen Gedenkstein spendet (und jede/r kann das tun), begibt sich auch auf Spurensuche, erforscht das Leben und Leiden der Verfolgten. In Städten wie Hamburg oder Berlin, wo Tausende von Stolpersteinen verlegt wurden, sind viele Biographien in Publikationen und im Internet veröffentlicht; oft sind sie von Schülerinnen und Schülern erstellt, die durch ihre Recherchen Geschichtsunterricht „zum Anfassen“ erleben. Dadurch entstehen ein intensives Engagement und ein hervorragender Schutz vor Gleichgültigkeit und rechtsextremem Gedankengut. Das wünschen wir uns auch für Rosenheim.

Es geht nicht um Schuldzuweisungen. Der KZ-Überlebende Max Mannheimer, der auch an Rosenheimer Schulen als Zeitzeuge tätig war und leider 2016 verstarb, brachte es auf den Punkt:

„Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah, aber dafür, dass es nie wieder geschieht”.

An Schulen leisten Zeitzeugen wichtige Arbeit, um junge Menschen für die Geschichte zu sensibilisieren. Doch die Zeit wird kommen, da es keine Zeitzeugen mehr gibt. Deshalb ist es jetzt wichtig, auch bei uns andere Formen der Vermittlung zu etablieren. Noch einmal möchten wir Max Mannheimer zu Wort kommen lassen, der 2015 bei der Eröffnung des NS-Dokumentationszentrums München sagte: „Eine gute, wichtige Sache kommt nie zu spät.“

Stolpersteine sind ein Gedenken von unten, aber sie erniedrigen niemanden. Wer die Texte auf ihnen lesen will, muss den Kopf senken und verneigt sich damit auch symbolisch vor den Opfern. Einige Angehörige wie Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München, finden es „unerträglich, dass auf den Namen der Opfer herumgetrampelt werden kann“. Eine Einzelmeinung, die in München zum Verbot der Verlegung von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund führte. Die meisten Überlebenden und Vertreter von Opfergruppen sehen das jedoch anders, die Enkelgeneration erst recht: „Ich für meinen Teil denke, dass das Schlimmste, was meinen Großeltern passieren konnte, vor Jahrzehnten geschehen ist. Lasst ihre Stolpersteine ignoriert, beschmutzt oder entwendet werden, solange nur ab und zu ein Vorübergehender bei ihnen stehenbleibt und anfängt nachzudenken.“ (Jackie Kahn)

Stolpersteine sind weithin anerkannt. Der Künstler Gunter Demnig wurde für sein Engagement vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland am Bande. Zu den prominenten Stolpersteinbefürwortern gehören der Bundespräsident, die Bundeskanzlerin, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, der Leiter der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, führende Rabbiner ebenso wie hohe katholische und evangelische Geistliche.

Gedenken in Rosenheim?

Auch in Stadt und Landkreis Rosenheim sind viele Menschen den Naziverbrechen zum Opfer gefallen. Über siebzig Jahre nach Kriegsende sucht man im Stadtbild vergebens nach sichtbaren Zeichen der Erinnerung.

Immerhin gibt es in der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus ein Fenster und eine kleine Gedenktafel für Elisabeth Block, ein jüdisches Mädchen aus Niedernburg bei Prutting, die 1942 mit ihrer Familie deportiert und ermordet wurde. Ihre Tagebücher wurden gerettet und in den 1990er Jahren veröffentlicht; die Originale wurden 2012 von Angehörigen dem Stadtarchiv übergeben.

                          

Fenster und Gedenktafel für Elisabeth Block in der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus

 

Seit der Gründung unserer Initiative im Juni 2015 setzen wir uns für Stolpersteine auch in Rosenheim ein. Schon wenig später setzte sich der Stadtrat in einer Sondersitzung mit dem Thema auseinander und hörte fünf Experten an, die alle für ein „würdiges personalisiertes Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im öffentlichen Raum“ plädierten. Allerdings lehnte der Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) die Stolpersteine als einziger ab.

Dem schloss sich die CSU Rosenheim in einer Presseerklärung vom Januar 2016 an.

Stolpersteine sind nicht die einzig mögliche Form, an die Opfer der NS-Verbrechen zu erinnern. Wir sind offen dafür, neben den Stolpersteinen auch andere Zeichen zu setzen wie Gedenktafeln und Denkmäler, und wir wollen, dass die Schule, von der Elisabeth Block als Jüdin verwiesen wurde, ihren Namen bekommt: „Städtische Mädchenrealschule Elisabeth Block“.

Während in der Landeshauptstadt München „Erinnerungszeichen“ in Form von Wandtafeln oder Stelen als Alternative zu den Stolpersteinen entwickelt wurden, ist bisher in Rosenheim kein personalisiertes Gedenken für die Opfer des Naziterrors geplant.

Kein Gehör bei der Stadt fanden Verwandte von Elisabeth Block aus Israel, die um Genehmigung für einen Stolperstein baten, der vor ihrer ehemaligen Schule verlegt werden sollte. Kollegium, Elternschaft und Schülerinnen der Städtischen Mädchenrealschule hatten dies ebenfalls befürwortet; sie konnten sich zwar mit der von uns geforderten Schulumbenennung nicht anfreunden, hätten aber gern den Stolperstein und eine Umgestaltung und Benennung des Vorplatzes der Schule gesehen, so dass ihre Adresse „Elisabeth-Block-Platz“ lauten würde. Auch dies wird nach dem Willen der Stadt nicht erfolgen.

Daher waren wir und die Angehörigen ebenso wie viele Nachbarn und Interessierte sehr froh, als im Juli 2018 in Niedernburg die Stolpersteine für Familie Block verlegt werden konnten.