75 Jahre Befreiung

Dieser Jahrestag ist wahrlich ein Grund zum Feiern. Die Coronakrise bringt es mit sich, dass all diese Feiern nicht wie geplant mit vielen Menschen vor Ort stattfinden können – aber es gibt Gedenken in kleinem Rahmen und natürlich virtuell.

Nach 75 Jahren: Endlich weiße Fahnen in München

Am Münchner Marienplatz, dem Lenbachhaus, an der Staatskanzlei oder am Bayerischen Landtag – an über 40 Standorten wurden am 30. April 2020 weiße Flaggen gehisst. Für den Initiator, den Künstler Wolfram Kastner, ist das ein großer Erfolg. Er freue sich, dass nach 75 Jahren endlich weiße Fahnen in München hängen.

Das Hissen weißer Fahnen erinnert an die teilweise sehr tragische Geschichte der „Freiheitsaktion Bayern“ (FAB) – hier ein älterer, aber sehr interessanter Radiobeitrag dazu. In Rosenheim und der unmittelbaren Umgebung war die Aktion weniger aktiv; in Götting folgten der Lehrer Georg Hangl und der Dorfpfarrer Josef Grimm am 28. April 1945 dem Radio-Appell der FAB und hissten am Kirchturm in Götting eine weiß-blaue Flagge anstelle der Hakenkreuzfahne: Beide wurden noch am selben Tag von der SS ermordet.

2. Mai 1945                Befreiung von Rosenheim und Umgebung

75 Jahre nach der Befreiung ist Rosenheim nicht so gut vorbereitet wie München: Es findet sich keine weiße Fahne, die am 2. Mai 2020 vor dem Rathaus gehisst werden kann. Dies wird aber zum 8. Mai – dem Tag der bedingungslosen Kapitulation bzw. der Befreiung ganz Deutschlands – nachgeholt: Die Stadtverwaltung bestellt eigens eine weiße Fahne. Wir schlagen vor, sie jetzt alljährlich vom 2.-8. Mai zu hissen, so wie es auch in München vorgesehen ist.

Weiße Fahne vor dem Rosenheimer Rathaus (Foto Graf)

Als wir die neuen Bürgermeister von Stephanskirchen und Rohrdorf baten, am 2. Mai vor dem Rathaus eine weiße Fahne zu hissen, erledigten Karl Mair und Simon Hausstetter dies umgehend und eigenhändig.

Ein weißes Tuch hängt am 2. Mai 2020 am Rathaus Stephanskirchen

Besonders für Simon Hausstetter war dies gewissermaßen eine historische Tat: „Am 2. Mai 1945 fuhr nämlich der Rohrdorfer Bürgermeister mit weißer Fahne den Amerikanern entgegen, um ihnen seine friedlichen Absichten kundzutun. Gemeinsam fuhren sie dann nach Rohrdorf, wo eine gewaltfreie Übergabe stattfand.“

Rohrdorfer Rathaus: Wieder mit weißer Fahne

Auch einige Privathäuser wurden von weißen Tüchern geziert, die wir ab jetzt jedes Jahr vom 2.-8. Mai zeigen wollen: #WeRemember.

Praxis im alten Rathaus Schlossberg (Foto Thomae)

In der Nacht zum 2. Mai wurde die Kinderarztpraxis im Alten Rathaus Schlossberg kurzzeitig umgewandelt in die „Galerie der Befreiung“, aus der Bilder an die Turnhallenwand gegenüber projeziert wurden. Wir erinnerten an die Opfer aus der Region, für die Stolpersteine verlegt wurden und die – mit einer Ausnahme – den Tag der Befreiung leider nicht erlebten.

Coronabedingt konnten nur fünf Menschen zusehen – aber alle können die Bilder jetzt auf Facebook und hier betrachten.

…jetzt können alle zuschauen. Danke Gini für den tollen Zusammenschnitt 🤓

Gepostet von Thomas Nowotny am Montag, 11. Mai 2020

In Haidholzen bestand vom 4. Dezember 1944 bis zum 31. März 1945 ein selbständiges Nebenlager des KZ Dachau. Die rund 200 Häftlinge unterschiedlicher Nationalität, vorwiegend Polen, Russen und Franzosen, waren in einer Barackensiedlung auf dem Gelände der Flak-Kaserne untergebracht. Sie mussten Zwangsarbeit für BMW leisten, deren Zweigwerk in Stephanskirchen „Chiemgauer Vertriebsgesellschaft O. H. G“ genannt wurde. Es diente der Flugmotorenfertigung, nahm aber seine volle Produktion nie auf.

Über das Ende dieses Lagers gibt es keine Berichte. Fest steht, dass es dabei Tote gab. In einem Kriegsverbrecherprozess war von drei Zivilisten die Rede, darunter ein Priester und ein Holländer, die freigelassen und kurz darauf erschossen worden seien. Einige Opfer aus Haidholzen wurden auf dem Friedhof Baierbach begraben, wo ein kleiner Gedenkstein an sie erinnert.

Am 2. Mai 2020 legten wir dort einen Kranz für alle Opfer des Naziterrors nieder. Angelika Graf, Vorsitzende des Vereins „Gesicht zeigen“, hielt eine bewegende Rede. Dabei waren auch Andreas Salomon (GEW Rosenheim) und Karl-Heinz Brauner (Historischer Verein Rosenheim). Herzlichen Dank an alle, besonders auch an Johannes Thomae für die Fotos und an das Blumenwerk Hofau für den schönen Kranz.

Kranz am Gedenkstein auf dem Baierbacher Friedhof

Sowohl in der Presse als auch auf Facebook gab es gute Resonanz für unsere Aktionen. Ein Teil der Diskussion auf Facebook scheint es mir wert, hier wiedergegeben zu werden. Einige fragten: War das wirklich eine Befreiung? Wo doch die allermeisten Deutschen mitgemacht haben?

Ich denke, es war in der Tag eine Befreiung – zumindest für alle anständigen Menschen, die damals in Deutschland lebten.

Dass AFD-Chef-Gauland anderer Meinung ist, wundert mich nicht. Der 8. Mai, der in Berlin einmalig 2020 zum Feiertag erklärt wurde, hat nach Ansicht von AFD-Chef-Gauland „nicht das Potenzial zu einem Feiertag, weil er ein ambivalenter Tag ist. Für die KZ-Insassen ist er ein Tag der Befreiung gewesen. Aber es war auch ein Tag der absoluten Niederlage…“

Ja, absolute Niederlage für Nazis, und dabei soll es unbedingt bleiben! Schlimm genug, dass so viele der Kriegsverbrecher im Nachkriegsdeutschland Karriere machen konnten.

Zum 8. Mai 2020 hat die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano in einer Petition mit weit über 100.000 Unterstützern gefordert, diesen Tag in ganz Deutschland dauerhaft zum Feiertag zu machen. Dem schließen wir uns an. Denn an diesem Tag endeten die grausamsten zwölf Jahre in der deutschen Geschichte. Insgesamt starben über 13 Millionen Menschen allein durch Nazi-Verbrechen. Dazu kamen 52 Millionen Kriegstote (davon über 6 Millionen aus Deutschland). Diese Episode war alles andere als ein „Vogelschiss“. Keine Seuche der Welt hat so viele Leben gekostet wie die braune Pest… Der Münchner Künstler Wolfram Kastner schreibt: „Der braune demokratiefeindliche Virus ist leider nicht verschwunden, Infektionswege sind zu stoppen und Widerstandskräfte zu stärken. Wir sind alle in der Verantwortung, uns gegen Hass und Gewalt zu wehren und für freiheitliche Menschenrechte offen und sichtbar einzustehen.“